Wir waren Stars. Echt jetzt, wir waren Stars im Bonner Nachtleben. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir die einzigen beiden Mädels Mitte 30 waren, die in deinen Club einreiten konnten und die Stimmung steigern ohne das zu wollen. Wie das gehen soll? Die Antwort ist einfach und wahr: Wir wollten nur tanzen. Ja, wirklich nur tanzen. Keine Unterhaltung, keine ausgegebenen Getränke, keine Männer, keine neuen Freundschaften, nur tanzen. Und das haben wir auch getan, von dem Moment an, wenn wir den Club betraten haben wir die Musik gelebt. Bis entweder die Lichter angingen oder wir zu kaputt waren. In den 2-3 Clubs, die es in Bonn gibt, kannten wir die DJs irgendwann und so kam es, dass dann auch meist unsere Musik gespielt wurde, wenn wir kamen. Und Realtalk: Entgegen aller Erwartungen wirkte es kein bisschen merkwürdig, dass wir da waren.

Aber das war natürlich kein Geburtsrecht, das haben wir uns „erarbeitet“. Im Grunde hat der Kolibri das eingeläutet. Es war an einem Abend, wie es vorher viele gab. Wir waren tanzen, es war heiß und wir wollten kurz an die frische Luft. Als wir oben standen, entstand neben uns eine Situation, die wir auch schon oft gesehen hatten. Zwei Typen wollten rein, passten aber aus irgendwelchen Gründen nicht und wurden nett von den beiden Türstehern abgewiesen. Ich weiß noch, dass ich fasziniert war, wie die beiden es geschafft haben die Typen zurückzuweisen, ohne dass jemand dabei sein Gesicht verliert. Ihr wisst was ich meine. Jeder, der öfter mal ausgeht, hat sie alle schon gehört. Die Sätze, die an der Tür gesagt werden und irgendwie  nicht so charmant klingen. „Sorry, Digger, aber heute ist hier Dresscode Schick!“ „Alter, du bist voll wie ein Eimer, verpiss dich!“ „Jungs, tut mir leid, wir lassen nur noch Mädels rein!“ blabla. Während ich noch über die empathische Lyrik der Türsteher sinnierte, kristallisierte sich schnell heraus, dass die Abgewiesenen das wohl anders sahen. Auch das kannten wir, aber es war ganz deutlich zu spüren, dass diese Gegenwehr hier eine andere Dynamik hatte, die angsteinflößend wurde. Als einer der beiden beiseite ging um „Verstärkung anzurufen“ konnte man deutlich erkennen, dass er etwas in seinem Hosenbund hatte, was definitiv nicht dort sein sollte. Es war nicht zu erkennen, ob es eine Waffe war, aber konnte safe eine sein. Während ich noch schaute und versuchte es zu erkennen, nahm der Kolibri einen der Türsteher beiseite und informierte ihn über die Waffe. Er bedankte sich, redete kurz mit seinem Kollegen und Sekunden später lag der Cowboy fixiert am Boden. Einen Türsteher auf den Schultern kniend, den anderen auf den Beinen kniend und die Cops anrufend. Die Jungs hatten plötzlich 12 Hände, wie es schien.

All das war aber nebensächlich, denn die hochgerutschte Jacke unseres Lucky Luke legte eine Schusswaffe frei, die es mir eiskalt den Rücken herunter laufen ließ. Offensichtlich nur mir, denn als ich mich mit panischen Augen umsah, um weitere Schockierte zu finden, hatten sich alle schon wieder abgewendet und rauchten, quatschten oder versuchten Mädchen zu beeindrucken. Da kickte es wieder rein in die Realität – 7 Jahre erzbischöfliches Gymnasium hatten mich nicht auf das Leben vorbereitet. Wer hätte das geahnt?

Jedenfalls bedankte der Türsteher sich später beim Kolibri und sagte: „Wann immer ihr kommt, ihr habt eine green card!“ Wäre das ganze eine Filmszene gewesen, hätten in dem Moment Sphärenklänge eingesetzt und von oben wäre ein Heiligenschein erschienen, während wir beide niederknien und der Türsteher uns mit einem blank polierten Schwert zum Hochadel kürt.

Fortan feierten Kolibri und ich regelmäßig, völlig unbehelligt und hatten eine wunderbare Zeit. Bis zum 22.03.2020. 3 Tage vor meinem Geburtstag, den ich am darauffolgenden Wochenende feiern wollte.

Bäms! Genauso unvorbereitet, wie mich die Ausrufung des Lockdowns getroffen hat, hat mich auch dessen Ende getroffen. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin unfassbar froh über das Ende, zumal es für mich gefühlt nur einen durchgehenden Lockdown gab, der von März 2020 bis letzte Woche ging. Warum? Na, weil alles was mir hilft Endorphine auszuschütten bis dahin verboten war. Als ich nun verstanden hatte, dass der Albtraum vorbei ist und die Clubs alle wieder öffnen werden, setzte ich mich hin und versuchte zu fühlen. Wo war das unendliche Glücksgefühl, das ich mir immer vorgestellt hatte für den Tag, an dem es passiert? Wo ist das Konfetti? Es war natürlich irgendwie da, aber es wird überschattet. Überschattet von dem Gefühl betrogen worden zu sein! In den Lockdown gestartet bin ich als Alleinerziehende, mit gut bezahltem Job beim führenden Hersteller für smartphones mit dem neuesten iMac auf meinem Schreibtisch, 3 Kindern, denen ich jederzeit bei der Eisdiele gegenüber ein Eis kaufen konnte, Konfektionsgröße 42 und einer stabilen Freundschaft „plus“. Aus dem Lockdown raus gehe ich arbeitslos, von ALG2 lebend und ständigen Geldsorgen geplagt, rationierten Luxusmomenten für meine Kinder, Konfektionsgröße 44 und stabilen Freundschaften „minus“. Ganz hinten in meinem Portemonaie einen Ausweis für die Tafel.

Ich sage das hier so nüchtern wie möglich, weil es im Grunde zum heulen ist. Alle diese Dinge haben sich verändert wegen des Lockdowns, über den ich mich gar nicht traue etwas negatives zu sagen. Aber das Gefühl des Betrugs entsteht durch die Frage, die übrig bleibt: „Warum jetzt plötzlich??“ Nur weil ein Impfschutz bei der Mehrheit der Bevölkerung besteht? Nein, denn die vielen Unterarten und Mutanten werden in kurzer Zeit resistent sein. Weil keine vierte Welle enstehen kann? Nein, denn sie hat bereits begonnen. Weil die Werte sinken? Nein, der Inzidenzwert steigt nach wie vor, aber die Art der Berechnung wurde kurzfristig verändert. Ich vermute, dass der wahre Grund ganz einfach ist: Die Stimmen der großen Verlierer werden immer lauter und sind nicht länger überhörbar. Dazu gehören nicht nur die Alleinerziehenden, sondern auch die Gastronomen, viele Industriezweige und nicht zuletzt die Politiker selbst, die kurz vor der Wahl ihre Menschlichkeit entdecken.

All das ist mir egal, weil es meine Situation kein bisschen verändert. Nachdem mir fremdbestimmt alles genommen wurde, sitze ich jetzt da und muss eigenverantwortlich alles wieder aufbauen. Und Leute, ich sage euch ganz ehrlich: Da muss man schon ein knallharter Optimist sein um sich morgens aus dem Bett zu schwingen und den Tag zu beginnen. Allerdings wird das jeder kennen, der selber Kinder hat: Show must go on! Weil die Kinder den ganzen Scheiss nämlich komplett anders wahrgenommen haben. Und das hält mich aufrecht – jeden Tag.