Direkt vorweg muss ich sagen: Als ich in dem Alter war, wo die Milchzähne Abschied nahmen, gab es keine Zahnfee. Ich habe für jeden Zahn ein Kopfstreicheln und eine Umarmung bekommen. Das Gefühl wieder „ein Stück größer geworden“ zu sein, war mein Lohn und hat mit 5 Jahren auch völlig ausgereicht. Als ich dann 2011 meinen Großen bekam, war ich voller Liebe und guter Vorsätze darüber, mit was er konfrontiert werden würde und mit was nicht. Die Zahnfee war defintiv auf keiner der beiden Listen, weil ich von ihrer Existenz nicht den blassesten Schimmer hatte.

So kam es, dass ich und mein Sohn völlig ahnungslos in die Zeit des ersten Wackelzahn stolperten und uns einfach nur gefreut haben. Er war in seiner KiTa-Gruppe tatsächlich das erste Kind, das einen Zahn verlor und der Tag, an dem er endgültig ausfiel war ein Freitag. Ich habe ihn umarmt und den Kopf gestreichelt. Er wr stolz, packte seinen Zahn in den vorbereiteten Becher für Milchzähne und das Thema war beendet.

Denkste. Einige Wochen später gab ich morgens in der KiTa ein fröhlich grinsendes Kind mit Zahnlücke ab und bekam am Nachmittag ein am Boden zerstörtes Kind mit Zahnlücke zurück. Was war passiert? Ich fragte ihn mehrmals, bat ihm einen Snack an, nahm ihn in den Arm und irgendwann am frühen Abend platzte es aus ihm heraus: „Mama, die Zahnfee hasst mich!“ wobei er bitterlich zu weinen anfing. Hä??

Mit der einen Hand die Tränen wegwischend, googelte ich mit der anderen Hand hinter seinem Rücken den Begriff „Zahnfee“. Während mir langsam gewahr wurde, welch grausamen Brauch sich ein paar offensichtlich kinderlose Menschen hier ausgedacht haben, erzählte mein Sohn, wie ein anderes Kind heute mit Zahnlücke kam. Dieses Kind hat im Austausch für den Zahn, nachts von der Zahnfee ein Geschenk bekommen. Ein kleines Matchbox Auto! Und mein Sohn – nix!

Na toll, meine Wut auf die Zahnfee war ungefähr so groß wie die meines Kindes. Also griff ich zurück auf eine Methode, die ich in den folgenden Jahren noch oft anwenden sollte, weil sie einfach hervorragend klappt: Die LÜGE.

Liebe Mit-Eltern, ich lege euch diese Methode wärmstens ans Herz, nutzt sie wann immer es möglich ist und ihr werdet sehen, es löscht oft kleine Brände, die schnell zu ausgewachsenen Waldbränden geworden wären. „MOMENT!! Unser Bjarne-Elyas wird niemals angelogen, das ist uns ganz wichtig, weil er auf Augenhöhe erzogen wird!“ höre ich da ein paar Bio-Eltern rufen. Dazu kann ich nur sagen, dass Erziehung auf Augenhöhe ein Widerspruch in sich ist, weil durch die Erziehung an sich bereits ein Machtgefälle vorgegeben ist, dass ein erziehen und lenken erst möglich macht. Und das ist auch gut so! Mein moralischer Kompass was das Anlügen meiner Kinder betrifft, hat den folgenden Fokus: Werden sie lächeln, wenn sie mit 30 daran zurückdenken und verstehen warum ich log? Schiebt diese Lüge nur ein unvermeidbares Frusterlebnis auf? Gibt es irgendeinen konkreten Gegenbeweis, den mein Kind in seinem aktuellen Geisteszustand verstehen könnte?

Ich behauptete also, dass die Zahnfee wahrscheinlich einfach noch nicht mit seinem Zahn gerechnet hatte und ihn deshalb nicht auf ihrer Liste hatte. Unglaube und Erleichterung kämpften in ihm. Er sah mich an. „Überleg mal Schatz!“ sagte ich. „Du warst der erste in deiner Gruppe, alle sagen immer, du bist aber früh dran.“ Sein Gesicht hellte sich auf. „Stimmt“ grübelte er. „Aber wie kann sie das denn jetzt erfahren?“ fragte er. Ich fand das für einen 5jährigen eine sehr kluge Frage. Ich versicherte ihm, dass ich ihr eine Nachricht zukommen lassen würde. Wie und wo durfte ich natürlich nicht verraten, frei nach dem Motto „Wenn ich es dir sage, muss ich dich töten“.

So kam es wie es kommen musste. Am nächsten Morgen hatte er auch ein kleines Geschenk unter dem Kissen. Mein erster Fehler auf dem Weg zur Mutter des Jahres. Der Zahn war also weg. Auf den ersten folgten noch zig weitere und ich war JEDES MAL unvorbereitet. Außerdem zeichnete sich langsam ein erkennbares Muster bei der Zahnfee ab. Fast jeder Zahn fiel am Ende eines Monats aus, egal wie lange er schon gewackelt hatte. Die meisten Alleinerziehenden verstehen was ich meine. Die zweite Hürde, die die Zahnfee überwinden muss, ist meine Müdigkeit. Wenn meine Jungs im Bett sind, erledige ich den kompletten Haushalt und die Wäsche. Sobald ich mich hinsetze ist dann alles vorbei. Und ich meine buchstäblich ALLES. Ich wache oft am nächsten Morgen auf und sitze noch mit einem Wäschestück in der Hand , dass ich falten wollte und neben mir steht der volle Wäschekorb. Also habe ich auch manchmal schlicht und einfach verschlafen, dass die Zahnfee eigentlich kommen sollte.

Die Enttäuschung in den Augen meines Kindes reißt mir natürlich fast das Herz heraus, während die kleine Stimme in mir sehr laut „Rabenmutter“ schreit. Aber es hilft nicht mit dem Kind zu weinen, ebenso wenig wie es hilfreich wäre dem Kind die Wahrheit zu sagen. Was sollte ich auch sagen? „Tut mir leid Schatz, aber die Zahnfee gibt es in echt gar nicht. Mama legt immer das Geschenk unter dein Kissen und tut dann so als wäre sie es nicht gewesen. Tja, und weil deine Mama leider eine Versagerin ist, hat sie verschlafen und nicht mehr geschafft.“ NEIN, definitiv keine Lösung. Hier musste schnelle Hilfe her. Also log ich, dass die Zahnfee letzte Nacht angerufen hat und sich entschuldigt, dass es gerade sooo viele neue Zähne gibt, sie nicht alle schaffen kann, das Zahnfee-Mobil nicht angesprungen ist… bla bla Egal was, Hauptsache es klang einleuchtend. Und mein Kind war wieder zufrieden.

Aber unabhängig davon, was das Kind fühlte oder nicht, eins war sonnenklar: Die Zahnfee versuchte mich fertig zu machen und mobbte mich fortan wo sie nur kann! Es gab Zähne, die ewig gewackelt haben und schlussendlich 2 Tage vor der neuen Lohnzahlung ausfielen, oder an Weihnachten. Grundsätzlich auch immer in der Woche, nie am Wochenende, wenn die Kids beim Vater sind.

Es gab auch Zähne, die gar nicht gewackelt haben und einfach so ausgefallen sind. Dann hat sie gezielt an die Kinder in unserem Umfeld immer mehr verteilt, als an meinen Sohn, was schnell die Frage aufwarf warum die Zahnfee ihn weniger mag als andere. Ich vermute, ihr schönster Tag war, als sie herausfand, dass ich Zwillinge bekommen habe. Ich kann vor meinem geistigen Auge regelrecht sehen, wie sie um ihr Lagerfeuer tanzt und herumliegende Zähne wie Konfetti in die Luft wirft..

Nicht mit mir, Zahnfee! Joke`s on you, bitch. Ich ließ mich nicht austricksen! Ich hatte vorgesorgt. Eine ganze Kiste voller kleiner Geschenke, kleine Geschenktütchen und eine Liste mit den vielen kleinen Lügen, die ich im Laufe der Zeit hinzugefügt habe. (Nur für mich, es waren ziemlich viele..)

Und heute hat sie sich ihr eigenes Grab geschaufelt. Sie hat es nämlich wieder gemacht. Am 27. eines Monats einen Zahn ausfallen zu lassen kann gar nicht anders, als ein persönlicher Affront gesehen werden. Aber ich habe mich einer bewährten Methode aus der freien Wirtschaft bedient und das Thema ein für alle mal beendet:

Damit meine Kinder nicht aus Versehen an einer Überdosis Gummibärchen sterben, verstecke ich grundsätzlich alle Süßigkeiten, die es über die Türschwelle schaffen. Irgendwo im Keller fand ich noch eine Tüte Gummibären. Schön in Goldpapier verpackt und mit Schleife lagen sie heute morgen unter dem Kissen meines Ältesten. Dabei war ein Umschlag. Das war neu, denn bisher gab es keinen Schriftverkehr mit der Zahnhexe. Ich ging erstmal zu den Kleinen um sie zu wecken und hörte mit einem Ohr, wie er den Brief laut vorlas:

Lieber ….

Du hast es sicher schon bemerkt, dass ich in den letzten Monaten öfter mal ein paar Tage zu spät kam und einmal gar nicht. Entschuldige bitte nochmal. Auch wenn ich es nicht wahrhaben möchte, so bin ich doch alt geworden und kann nicht mehr wie zu Beginn deines Gebisswechsels. Die Gewerkschaft der Zahnfeen hat mir angeboten in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen, worüber ich froh bin. Ob es eine neue Zahnfee geben wird, steht noch in den Sternen, also erzähl bitte deinen Brüdern erstmal nicht von mir. Bleib wie du bist und pass immer gut in der Schule auf.

Es drückt dich ganz herzlich Deine Zahnfee a.D.

Mit einem lauten Seufzen packte er den Brief wieder weg und öffnete das Goldpapier. Ich hörte, wie er die Tüte in seinem Schreibtisch versteckte und dann an mir vorbei nach unten ging. Er drehte sich kurz um, nickte mir verschwörerisch zu und grinste dann so breit, dass seine Zahnlücke herauskam. Ich grinste innerlich und gab meiner inneren Schoore Tina ein high Five.

Schach Matt!