Wenn du Single bist, dann ist Corona derjenige, der deinem sozialen Leben eine rein gehauen hat.

Wenn du Single bist und Kinder hast, dann ist Corona derjenige, der den Stecker am Beatmungsgerät deines sozialen Lebens gezogen hat.

Es war auch vorher schon schwer, durch die gottgegebenen Beschränkungen, die das Alleinerziehen so mit sich bringt: Zum einen die geringen Zeitfenster, die einem bleiben um ein unabhängiger Mensch zu sein, zum anderen die Müdigkeit, die augenblicklich einsetzt, wenn die Verantwortung verschwindet. Plötzlich nur noch für mich selbst verantwortlich zu sein, macht mich leicht – unfassbar leicht. Ich gähne schon bevor der Vater den Motor startet um mit den Kindern zu fahren. Wenn ich heute noch Schoore Tina werden möchte, muss ich sofort Musik anmachen! Ich starte immer gleich: als erstes das On-Beat-Battle von Shote vs Galv. Danach folgen in der Playlist ein paar Freestyle moves von Gier und Bong Teggy. Ja, ich weiß, die sind jetzt nicht die lyrischen Künstler, aber wenn mein Abend heute Tetris wäre, dann wäre der Spielmodus: Einfach. Außerdem, was soll ich sagen,? Ich bin schwach, die beiden sind heiß und ich schaue gerne hin.

Als die Welt noch rund lief, verlief der Abend dann so: Ich dusche, restauriere den Körper und befreie ihn von den Strapazen der Woche. Ich checke mein WhattsApp um zu wissen, wo ich heute starte. Dann stehe ich zwischen 60 und 90 Minuten vor meinem Schrank, ziehe Sachen an und aus, tanze dabei und trinke Sekt. Gegen 23 Uhr springe ich in mein Auto und düse richtung Bonn. Dort treffe ich meine Leute in immer dem gleichen Club, in dem jeder weiß, wie ich heiße, was ich trinke und dass es keinen Grund gibt unnötig zu quatschen. Du fragst dich warum? Weil ich es hasse angesprochen zu werden, wenn ich tanzen kann.

Das ist im Grunde eine simple Rechenaufgabe: Wenn ich Pech habe, sind die Kinder nur bis zum nächsten Morgen beim Vater (dazu gibt es einen extra Beitrag). Das heißt ich muss mich um 8 Uhr wieder von Schoore Tina in“Mama“ verwandeln. Also bleibt ein Zeitfenster von maximal 7 Stunden, dabei ist die Fahrtzeit und die Wartezeit vor der Damentoilette schon abgezogen. In diesen 7 Stunden muss ich also meinen Geist freitanzen und die vergangene Woche abschütteln. Leider bin ich keine Maschine, und so klappt es manchmal besser und manchmal schlechter.

Jetzt habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die ich noch nicht kenne oft das Bedürfnis haben mich anzusprechen. Das ist total toll, und ich freue mich auch ehrlich jedes Mal. Das gibt mir das Gefühl nicht komplett aus dem Spiel zu sein. Und die Menschen, die sich trauen mich anzusprechen sind durchweg alle immer ausgesprochen nett und gehen klar. Ich bin mir auch völlig darüber bewusst, dass ICH in diesem Fall der Klumpen bin, der den Abfluss verstopft. Wäre Dating ein Neuwagen, bin ich der besoffene Mitfahrer, der auf die Polster kotzt!

Aaaaaber: Die Erfahrung zeigt, dass es im Club

1. viel zu laut ist um zu reden,

2. das Gespräch meistens im Sande verläuft.

3. spätestens dann beendet ist, wenn ich erwähne dass ich 3 Kinder habe.

Und übrig bleibt dann neben der Enttäuschung dann nur noch reduzierte Tanzzeit. 🤷🏻‍♀️. Das klingt natürlich jetzt abgebrühter als ich bin, und soll nicht bedeuten, dass ich keine Begegnungen dort hatte, die mir etwas bedeutet haben Oder mir noch wochenlang Schmetterlinge in den Bauch gezaubert haben. Im Gegenteil! Ich habe wunderbare Menschen durch den Club kennengelernt und zwei Begegnungen gehabt, die mich fast ins Wanken gebracht haben. Leider hat einer der beiden kalte Füße bekommen und der andere ein Baby in der Woche nach unserem Kennenlernen. Natürlich nicht er selbst, sondern seine Ex, aber …. trotzdem!!

Seit das alles weggefallen ist – nein, ich meine nicht die letzten Wochen, ich meine seit Lockdown NR 1!! Seitdem fühle ich mich wie ein Hamster in einem viel zu kleinen Käfig. Zwischenzeitlich haben mal ein paar Bars und Kneipen wieder geöffnet, aber die Auflagen waren so lächerlich, dass es kein Vergleich zu früher war. Ich war nur ein einziges Mal mit dem Kolibri aus und muss sagen, dass ich danach depressiver war als ich es jemals gewesen bin. Nachdem ich den Abend gestaltet habe wie oben beschrieben, war ich in der absolut besten Stimmung seit März 2020. Gut riechend und gut aussehend fuhren wir in die Bonner City, die Uhr sagte ungefähr 00:30 an. Wir hatten schon Angst es wäre noch zu früh, weil das vorher immer die Zeit war, in der wir uns bei ihr zuhause ganz langsam fragten: Taxi oder E-Scooter? Naja, aber völlig Hyped von der Tatsache überhaupt in enger Kleidung andere Erwachsene zu treffen, stiegen wir aus und bekamen sofort eine böse Vorahnung: Das erste Indiz hatten wir wohl beide bemerkt, aber bewusst nicht ausgesprochen: Freitag Abend in der Bonner Innenstadt und es gab MEHRERE Parkplätze zur Auswahl!!

Der Schein sollte nicht trügen, denn bereits an der Türe zu einem uns gut bekannten Clubs sagte der Türsteher, dass wir uns anmelden müssten und drückte uns zwei laminierte Formulare mit wasserlöslichen Stiften in die Hand. Etwas verdattert trugen wir unsere Daten dort ein und gaben sie ihm zurück mit dem Hinweis, ein Tisch für 2 wäre ausreichend. Er tat so als wäre der Laden so voll, dass man warten müsse bis jemand herauskam. So standen wir also dort und warteten bis tatsächlich eine Gruppe den Laden verließ. Völlig ausgelassen wollten wir an ihm vorbei stürmen, aber er hielt uns zurück. Unheimlich wichtig sprach er in sein Walkie Talkie, offensichtlich mit dem Chef, um uns anzukündigen. „Ich habe hier zwei Damen, die runter wollen. … Ja alles ausgefüllt. … ok. Over!“ Mit Blick auf die Formulare verkündete er: „Britney und Whitney, euer …. (er schaut kurz hoch und grinst über unsere Namen) Tisch ist fertig. Ihr werdet abgeholt.“ Wir sahen uns staunend an. In dem Moment kam auch schon der Chef hoch und führte uns zu unserem Tisch. Dort darf man zwar die Maske abnehmen, allerdings ist der Tisch auch durch zwei dicke Plexiglasscheiben isoliert.

Naja, was soll ich sagen? Musik lief zwar, aber das feeling kam nicht auf. Nach einer Stunde waren wir wieder draußen und enttäuscht. Im Nachhinein habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht und bin wirklich neugierig, wie ihr das seht. Wir brauchen nicht darüber reden, dass es sinnvoll ist sich an die Abstandsregeln, sowie grundsätzlich ALLE Vorgaben des RKI zu halten. Nur so können Leben geschützt werden. Deshalb ist das hier auch kein Fingerzeig auf irgendeine Personengruppe, weil niemand etwas dafür kann und jeder, auch die Politiker NUR reagieren können, auf die Tatsachen, die einfach da sind. Aber durch die Beschränkungen und die beiden Lockdowns fühle ich mich so allein, wie niemals zuvor. Tagsüber sind die Kinder im Fokus durch Home-schooling und Input schaffen für die Jüngsten. Sobald die Kids schlafen gibt es KEINE Möglichkeit abzuschalten. Vorher habe ich manchmal ein Bier am Rhein getrunken, oder einen Kaffee, oder einfach nur Freunde besucht. Alles nicht möglich. Nur zuhause sein, kein Input von anderen Erwachsenen.. Kein Sport möglich, auch nicht für die Kinder. Das ist für mich Folter. Vor allem die daraus resultierende Perspektivlosigkeit. Es ist gar nicht absehbar, wann die kulturellen Veranstaltungen wieder stattfinden. Kein Tag auf den man hinfiebern kann. Wenn ich keine Kinder hätte würde ich mich morgens fragen wofür ich aufstehen sollte. Und auch MIT den Kindern ist es eine riesige Herausforderung für mich eine Tagesstruktur aufrecht zu erhalten. Dazu kommt die berufliche Situation. Ich habe im ersten Lockdown meinen Job verloren, weil ich im technischen Kundensupport für ein international renomiertes Unternehmen. Natürlich muss ich gewährleisten, dass es im Hintergund ruhig ist, aber mit 3 Kids unmöglich. Das ist ein Vollzeitjob die drei durch den Tag zu begleiten. Aber ich würde mehr als gerne arbeiten. Nunkommt ganz langsam die Kita-Betreuung wieder in Gang, doch natürlich unter strengen Auflagen. Meine Jungs mussten bereits 2 mal von mir früher abgeholt werden. Also auch nicht planbar. Aber trotzdem habe ich die Hoffnung, dass sich schlussendlich alles wieder zum Guten wendet. Allerdings befürchte ich, dass dieses letzte Jahr uns alle sehr verändert hat – in welche Richtung wird sich zeigen.