Heute morgen ist das Unfassbare geschehen. Ich wurde von einem unbekannten Geräusch aus dem Schlaf gerissen. Es hörte sich an, wie einer meiner Wecker, aber es war keiner, denn es hörte nicht auf, als ich darauf schlug.. Ich blinzelte kurz und las die Uhrzeit: 06:15. Das bedeutet, es sind 15 Minuten BEVOR mein Wecker zum ersten mal klingelt. Und der klingelt auch nur pro forma, weil ich erst gegen 06:45 aufstehe.

Ich sehe mich um und sehe, dass der Hörer meines Festnetztelefons leuchtet. Ich bekomme also einen Anruf – auf dem Festnetz! Ja, genau. Ich habe einen Festnetzanschluss und nutze ihn auch. Warum? Ich komme aus den 80ern, okay??! Allerdings kann ich an einer Hand abzählen, wann ich einen Anruf bekommen habe in 2021. Heute ist wahrscheinlich das 6. oder 7. Mal. Im Display steht dick und fett „Schule“. Ich werde darauf noch einmal gesondert eingehen, aber ohne zu spoilern kann ich verraten, dass die Schule und ich ein angespanntes Verhältnis haben. Das bezieht sich nicht im mindesten auf die Lehrer, sondern ausschließlich auf den Leitungsdrachen. Und genau diese habe ich jetzt am Ohr, morgens um 06.15 Uhr. Ich frage mich, welche Verfehlung ich oder mein schlafendes Kind wohl so früh schon begangen haben könnten, dass die Schule anrufen muss, aber die liebliche Drachenstimme kommt ohne Umschweife zum Thema: „Frau Schoore Tina?“ „Ja? Guten Morgen.“ „Ja, Frau Schoore Tina, der Pool-Test von gestern ist positiv!“ Sie sagt das so bedeutungsschwanger, dass ich automatisch das Gefühl habe, es ginge um Leben und Tod. Dabei kommt in meinem Kopf das Bild von mir und einem eiskalten Cocktail im Pool in meinen Kopf und leise ertönen hawaianische Ukulelenklänge.. „Sie wissen ja was nun zu tun ist.“ Ich bin wieder in der Realität, aber die Wahrheit ist, dass ich keine Ahnung habe wovon sie redet. Pooltest? Positiv? Was muss ich denn bitte schön tun?? Ich habe mich wohl durch meine Reaktion verraten, denn ich wollte eloquent wirken und sagte ganz offen „… Wäääh?“

Offenbar hat der Drache darauf spekuliert, dass ich nicht auf Anhieb angemessene Worte finde, denn sie seufzt theatralisch und sagt „Sie müssen das Röhrchen nehmen, dass die Kinder alle vor ein paar Wochen bekommen haben und einen zweiten Test machen. Den bringen Sie bitte bis allerspätestens 8:00 hier in das Sekreteriat. Und vergessen Sie nicht ihn vorher online zu registrieren. Und … darf heute nicht in die Schule kommen. Die ganze Klasse bleibt zuhause.“ Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen! Sie redet von den Corona-Testungen in der Schule. Ich bin erleichtert und sage „Aye Aye, Sir.“ und lege auf. Innerlich grinse ich, weil dies das netteste Gespräch war, das in den letzten zwei Jahren zwischen uns stattfand. Jetzt heißt es, die nächste Hürde nehmen. Wo ist dieses verdammte Röhrchen..? Ich wühle alles durch und finde es schließlich. Ich bin sogar 10 Minuten vor 8 Uhr am Sekretäriat. Der Drache schnaubt und tut so, als wäre sie gleichgültig, aber ich weiß, was sie weiß. Ich weiß, dass sie so sicher wie das Amen in der Kirche davon ausgegangen ist, dass ich das Röhrchen nicht finde. HA. Tja, heute ist nicht ihr Tag. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, fragt sie mich noch, ob ich vergessen hätte die Schulanmeldungen für die beiden Kleinen abzugeben. Ich informiere sie, dass ich die sehr wohl abgegeben habe, aber eben nicht hier, sondern an der Schule, an der ich sie angemeldet habe. „Oh, gehen beide auf einer der Förderschulen hier in der Gemeinde? Dann müsste das trotzdem über mich laufen, weil ich quasi die Empfehlung dafür aussprechen muss.“ Ich bin jedes mal wieder auf’s neue überrascht, in welchem Licht sie ihre Rolle sieht. Aber das knipse ich kurzerhand aus, denn ich sage: „Frau Drachenkönigin, bei allem Respekt. Dass Sie meine Kleinen begutachten und eine Wertung vornehmen wird niemals in diesem Leben stattfinden. Nicht in dieser Realität und auch in keiner anderen. Schlimm genug, dass ich meinen Großen schon nicht schützen konnte, aber die beiden Kleinen? Niemals.“ Sie und die Sekretärin schauen mich mit offenen Mündern an, während ich mich einfach umdrehe und gehe. So etwas sollte man nicht zur Rektorin der lokalen Grundschule sagen? Da magst du Recht haben, und mein unvoreingenommenes Mutterherz von 2017 hätte dir zugestimmt und sich über soviel Aggression am Morgen empört. Aber 4 Jahre, 28 einberufene Elterngespräche und unzählige übergriffige Aktionen später habe ich eine Sache gelernt: Respekt gebührt demjenigen, der respektvoll ist. Und wer mich kennt, weiß, dass einiges dazu gehört mich so werden zu lassen. Aber wie der Kolibri mir einst sagte: „Du bist zu nett. Darauf können die meisten nicht. Das ist für die ein Zeichen von Schwäche!“ Da hatte sie wohl recht.

Mein Großer war über die Maßen erfreut zu hören, dass er möglicherweise infiziert war, lag doch heute eine Deutscharbeit an. Er hat nicht einmal so getan, als wäre er schockiert, sondern ging direkt wieder ins Bett.

Die Anordnung für den Tag lautete, dass die Kinder zuhause bleiben sollen, als wären sie in Quarantäne, bis das endgültige Ergebnis des PCR Test als SMS käme. Ich machte trotzdem vorsorglich zwei Schnelltests, die beide negativ ausfielen. Natürlich war es an dem Tag extrem sonnig und natürlich hätte er Fußballtraining gehabt. Einem aktiven 10 Jährigen zu erklären, dass dies nicht möglich ist, weil die geringe Möglichkeit besteht, dass er positiv sein könnte, trotz der beiden negativen Schnelltests ist eine Mammutaufgabe. Vor allem, wenn man es selbst für unhaltbar hält. Ich war offensichtlich nicht die einzige Mutter, die so dachte, denn als ich ihm erlaubte draußen zu spielen, traf er dort die halbe Klasse. Der Tag zog sich wie Kaugummi und alles wartete gespannt auf das kurze „Pling“, das uns das Ergebnis bringen sollte. Doch es blieb stumm. Der Nachmittag verging, die Sonne wandte sich bereits zum Gehen, als es plötzlich ein lautes „Pling“ zu hören gab und das Ende der Quarantäne zum Greifen nah war. Ich nahm mein Handy in die Hand, gab den Code ein und öffnete die Nachricht. Leider erfuhr ich nur, dass mein Datenvolumen nun zu 90% aufgebraucht ist. In mir schrie es laut: „Deine Mutter ist zu 90% aufgebraucht!„, aber ich lächelte meinen Großen nur an und sagte: „Fehlalarm Schatz, tut mir leid.“ Enttäuscht putzte er sich die Zähne und ging ins Bett. Als es still wurde im Haus, kam ich ins Grübeln.. Ich wusste von zwei anderen Müttern, dass sie die Ergebnisse gegen 20 Uhr bekommen hatten. Zwei weitere nicht. Was, wenn mein Sohn der eine wäre, der positiv ist? Was würden zwei Wochen Quarantäne mit drei Kindern bedeuten? Wer kauft ein? Wieviel essen diese Kinder in dieser Zeit? Womit beschäftige ich die denn alle? Und noch schlimmer: Was wenn einer krank wird??

Den Gedanken hatte ich komplett ausgeblendet. Sofort kamen mir die Bilder der Patienten auf den Intensivstationen in den Sinn. Kinder an Beatmungsgeräten, Erwachsene die in Kategorien eingeteilt wurden.. Ich fühlte Panik in mir aufsteigen bei der Flut an worst case Szenarien, die denkbar wären. Aber ich wurde gestoppt durch ein leises „Pling“ und auf meinem Display erschien die SMS, auf die ich gewartet hatte. Mein Großer war negativ – und mein Kopfkino wieder positiv. Ich hoffe, dass diese Situation nicht wiederkehrt, aber vor allem hoffe ich, dass meine kleine Familie verschont bleibt von den Bildern, die in mir entstanden sind. Dafür nehme ich jede Anstrengung in Kauf- wenn es sein muss auch 20 solcher Tage. Aber schön wäre es, wenn der nächste Pool, mit dem ich mich beschäftige der in einer schönen Hotelanlage in einem sonnigen Land wäre. Mit meinen Kids. Ohne Angst.