Ich feiere Rap. Deutsch-Rap. Deutschen Gangster-Rap. Am meisten von allem, aber liebe ich den Battlerap! Ja, genau. Diese MILF feiert Mutter-Lines, das Wort "Hurensohn" und denkt sich selbst gerne Battle-Parts aus. Ich scheiße drauf, dass Leute denken, Rapper wären dumm oder einfach gestrickt. Ich sag nur "SELBER!" Denn wenn ich eines weiß, dann dass Rapper hoch intelligent sein müssen. Ich kenne Freestyle-Rapper, die in Sekunden komplette Sätze raus hauen, die sich reimen und das Gegenüber komplett auseinander nehmen. Gier ist der König, dicht gefolgt von Notyzze. Die beiden sind Legenden für mich. Wenn eins meiner Kinder irgendwann einmal so ein Talent entwickelt, bin ich stolz darauf. 
Und doch habe ich mich automatisch der Almann-Eltern Panik angeschlossen. Seit ich Kinder habe, habe ich versucht meine Musik nur zu hören, wenn sie ganz sicher nicht in Hörweite sind. Die Muttis unter uns wissen, was das bedeutet: Also, nie! Nun bin ich aber extrem musik-liebend. Ich bin also nach und nach immer mehr Kompromisse mit mir selbst eingegangen. Es fing an damit, dass ich dachte: "Ich kann das hören, weil die wirklich schlimmen Wörter nur in den Zeilen vorkommen, die schnell gerappt werden. Das kriegen die noch nicht mit." 
Dann kam "Kokaina" raus und ich erfand die Rechtfertigung: "Ach, die haben ja keinen Plan was damit gemeint ist." 
Irgendwann waren wir dann mal auf einer längeren Autofahrt und alle drei sind nacheinander eingeschlafen. Ich freute mich heimlich und verpasste Bobo Siebenschläfer den Korb seines Lebens und hab ihn kurzerhand gegen meine Playlist ausgetauscht. Ich fuhr, ich sang, ich rappte, ich formte texte in meinem Kopf und bekam nicht mit, dass langsam alle wieder wach wurden. Als die Playlist zu Ende war, riefen von hinten zwei Stimmen: "Nochmal Mama!!" und neben mir fragte der Halbwüchsige, ob er jetzt mal seine Playlist spielen kann. Ich erwarte jugendfreie Beats und stimme zu. Sekunden später höre ich mich selbst sagen "Mich jagen Großfamilien und das LKA..." Ich kann nicht anders, wenn ich getriggert bin muss ich den Text mitsprechen, und offensichtlich bin ich nicht der einzige, denn mein Großer kann den Text ebenfalls. Danach laufen noch ca 10 Tracks, die ich selbst erst gespielt hätte, wenn auch der letzte der drei seinen 18. Geburtstag gefeiert hat und wir hatten die netteste Autofahrt ever. 

Als wir wieder zuhause waren wurde ich nachdenklich.

Weshalb denke ich, ich müsste sie von der Musik fernhalten? Sie schützen vor der Gewaltverherrlichung und des offenen Sexismus, sowie der Phantasie, man könne von kriminellen Geschäften steinreich werden. 
Ich kann das doch gar nicht schaffen, weil ich nicht alle anderen Kinder, oder Medien unter Kontrolle habe. 
Aber: Was bedeutet das dann aber für meinen Erziehungsauftrag? 
Heißt es nicht länger, "Beschütz dein Kind vor den schlechten Einflüssen!", was heißt es denn dann bitte schön?? 
So und damit sind wir bei dem Punkt, der uns Eltern ins trudeln bringt. Auf einmal erkenne ich, dass ich in die falsche Richtung laufe. 
Ich schließe aus der Erkenntnis, dass mein neuer Erziehungsauftrag heißt: "Mach deine Kinder stark genug, um gute Menschen zu werden, trotz aller Einflüsse!" Ganz ehrlich, von Mutter zu Mutter/Vater: 
Hier dürft ihr nicht scheitern! Hier gibt es keine zweite Chance, keinen Joker, kein "befriedigend", es gibt nur "geschafft" oder "nicht geschafft". 
Aber ich glaube, dass die Aufgabe längst nicht so schwer zu meistern ist, wie man denkt. Bist du ein einigermaßen rechtschaffender Mensch, der nicht vom Kokain-Dealen lebt? Falls du vom Koks-Dealen lebst, wünscht du dann dass dein Kind in deine Fußstapfen tritt?? NEIN!
Glückwunsch, dann haben das nämlich schonmal Leute, die du kennst, geschafft - deine Eltern! Es gab nämlich ebenso viele schlechte Einflüsse, als wir noch Kinder waren. Überleg doch mal: 

Wo ist der Unterschied zwischen zwei Motorrad-Rockern, die sich prügeln, zu Bud Spencer und Terrence Hill, die anderen Verletzungen zufügen? Nur weil dort Klamauk-Musik im Hintergrund dudelt, ist es nicht weniger gewalttätig.

Nahezu jedes Karnevalslied, dass ich seit Kindertagen kenne ist hochgradig sexistisch. Trotzdem kann ich heute als erwachsene Frau die Texte in jedem erdenklichen Zustand schmettern, ohne mich herabgesetzt zu fühlen.

Wieso hat keiner mich davor geschützt mehrmals am Tag dem Leid von Conny Kramers Todestag ausgesetzt zu sein? Der ist an Drogen gestorben, als noch keiner an Drogen gestorben ist. Trotzdem stand ich nie vor einer brennenden Tonne, den Arm abgebunden -die dreckige Spritze in der Hand. „Verdammt, hätte ich doch niemals diesen Song gehört…!“ Capital Bra könnte locker der Sohn von Conny Kramer’s Ticker sein. Wo ist der Unterschied zu „Tillidin“?

Es gibt keinen! Weil die Werte, die Eltern ihren Kids vermitteln wollen gleich bleiben. Wenn du kein Arschloch bist, willst du das beste für dein Kind und versuchst deinem Kind die mentale und intellektuelle Stärke mitzugeben, um all die Einflüsse auszuhalten und einzuordnen.

Wie schafft man das? Ganz einfach: Das was du vorlebst, ist für deine Kinder Normalität. Es liegt also an uns selbst, wie leicht oder schwer die Kinder es haben.

Aber… Ja, ich habe ein großes Aber! Hier kommt ihr Rapper in die Verantwortung, ich möchte euch bitten mein Anliegen ernst zu nehmen. Nicht als Fan, sondern als Anliegen einer Mutter.

Viele Kinder haben keine Eltern, die ihre Kinder stark machen für die Welt. Oft sind die Eltern selbst nicht gewappnet für das Leben. Polly Pocket öffnet ihre Toren nicht für alle. Viele Kinder wachsen in unstabilen Verhältnissen auf, werden institutionell betreut oder aus verschiedenen anderen Gründen nicht gesehen. Sie haben keinen moralischen Kompass, auf den sie zurück greifen können. Sie sind die, die wir besonders beschützen müssen. Da und genau da sehe ich die Rap-Szene in der Verantwortung. Die Texte müssen bleiben, wie sie sind. Aber bitte, versucht nicht, den Kids einen Lifestyle vorzuspielen und das Gangster-Image so zu glorifizieren.

Wie kannst du flexxen, aber trotzdem die Welt besser machen? Zeigt euch großzügig auf euren Insta-Stories. Postet Stories, wie ihr Spendenquittungen unterschreibt und in die Luft werft. Postet Bilder, wie ihr einem Seniorenheim einen Scheck überreicht, oder wie ihr die Jugendarbeit unterstützt. Zeigt euch mit Youtubern und wahren Helden der Präventionsarbeit, wie Phillip Schlaffer und Maximilian Pollux. So könnt ihr gut aussehen und den Kids etwas mitgeben. Du hast einen Social Media Manager eingestellt für mehr Reichweite? Gut. Stell doch noch eine Person ein, die nur das Beantworten deiner Nachrichten der Fans/Kids zur Aufgabe hat. Stell dir vor, jeder 15-jährige, der dir Probs schickt für deinen hustle, würde eine Antwort bekommen, der sowas steht, wie:

„Danke für deinen Support. Aber ich arbeite hart für meinen Erfolg, stehe früh auf, versuche keine Probleme zu bekommen. Meine Knastzeit hat mir Lebenszeit geraubt, das ist kein Geld der Welt wert….!“ Im Anhang eine Liste mit den Nummern von verschiedenen Jugendarbeitern..

Das macht bessere Menschen aus uns allen. Und das ist doch, was wir im Grunde alle wollen. Meine Kinder brauchen das hoffentlich nicht, aber ihre Freunde. Ich habe so viele Kinder gesehen, die so lost waren, dass sie den Tränen nahe waren, wenn sie mit uns zusammen Abend essen durften. Im Gegenzug habe ich erlebt wie mein Großer nach hause kommt und weint, weil er so einen Hunger hat, aber nichts zu essen bekommen konnte bei seinem Freund. Die brauchen euch – für diese Kids seid ihr wichtig.