Es trifft mich jedes Wochenende wieder völlig unvorbereitet und planlos. Obwohl ich keineswegs planlos bin, weil es einen ganzen Haufen Dinge im Haus zu tun gibt, aber sobald meine gewohnte Struktur wegfällt bin ich unfähig! Akku leer, kein Aufladekabel passt mir… Die Struktur, die meinen Alltag in feste Rahmen presst hat 6 Beine und doppelt soviel Mägen. Samstag Abend beginnt nämlich der Papa-Tag! Während ich in der Woche ständig nörgelnd durch das Haus stapfe, auf Legoteile trete und mich über hingworfene Schuhe VOR dem Schuhschrank aufrege, liegt Papa von dem Moment an wo die Kinder bei ihn rein kommen auf der Couch und schaut fern. Er ignoriert sie und ihre Bedürfnisse komplett, was die Kids total lieben. Der Große schnappt sich Papas Tablet und verzieht sich auf das Bett, die Kleinen bedienen sich erstmal am Eis und Joghurt im Kühlschrank. Jeder macht was er will. Klar hab ich verloren!

Wenn Sie mich nicht hören können, flüstere ich Sachen, wie „Bin ich froh, wenn ihr weg seid“ und freue mich total auf das Wochenende wenn sie eine Nacht bei Papa schlafen. Aber wenn es dann soweit ist – platzt der Superheldenanzug einfach von mir ab und ich falle in einen sinnfreien Raum. Dort zerfallen alle Pläne zu Staub und ich mache nichts von den Dingen, auf die ich mich so freue.

Und plötzlich ergibt sich ein neues Problem: wem kann ich dafür die Schuld geben? Niemandem… MIST! Ich liebe die Extreme und das Leben am Limit. Also suche ich mir ein aufregendes Projekt. Deshalb habe ich letztes Wochenende das unmögliche versucht!! Mein Projekt war: Netflix ‚n‘ chill

Du lachst, und wenn du mich heute beobachtet hättest, wären dir vermutlich auch ein paar Tränen gekommen vor lachen. Während der Rest der Welt wochenlang komplett unbewusst dieses Wunder vollbringt, muss ich mich richtig zwingen und daran erinnern dass ich mich auf die Couch setzen will. Ein Glück dass ich gestern schon vorbereitet habe was ich heute snacken möchte, während ich …. chille. Ich bin ganz aufgeregt, denn ich weiß nicht, ob ich das kann. Doch ich bin sicher, denn auch ich habe mal studiert und zwischen 16 und 21 wilde Dinge konsumiert.. Da war chillen quasi Alltag. Aber das habe ich irgendwann abgegeben. Oder verloren. Ich kann nicht genau sagen wann, aber ich vermute es war an der Kreissaaltür damals…

Naja, aufgeben ist keine Option, also nehme ich mir mein Tablett mit dem Kaffee und den kleinen Keksen und gehe Richtung Wohnzimmer. Auf dem Weg drehe ich noch kurz um und stelle die Schale mit den Karotten wieder weg. Ganz ehrlich, wen will ich verarschen? Schließlich sitze ich auf der Couch, TV an. Ich öffne Netflix und lande in einer Folge Peppa Wutz. Die kenne ich, das ist die wo sie die Oma besuchen und dann macht Papa Wutz ….

„SCHNAUZE!!“ schreit der Teil in mir, der übrig ist von der gechillten Alexa aus dem Jahr 2001. Er hat recht, also verlasse ich den Kinder Account. Ich muss laut lachen weil ich merke dass sich Kinder Account auf Tinder Account reimt. Also stehe ich auf, hole mein Buch und schreibe es auf. Dann sitze ich wieder und mache eine schockierende Entdeckung: ich habe keinen Netflix Account. Also klar gibt es den erwachsenen Account, aber der ist null personalisiert und nie benutzt. Wäre der Account ein Auto würde er nach Neuwagen riechen!! Als erstes muss ein Name her, nach kurzer Überlegung tippen meine Finger den Namen „Mama“. Der Geist der coolen Alexa ist schneller als gedacht und gibt mir einen imaginären Kopfstoß und sagt „Nein“. Laut murmelnd lösche ich die Buchstaben. „Ja Man, is ja gut!“

Ich lege schließlich sogar die Füße auf die Couch und bin näher an der Waagerechten als der Horizontalen. Ich merke langsam wie mein Körper entspannt. Zum Einstieg entscheide ich mich für eine Doku über Königin Victoria. Monarchie, hm klingt spannend. Ich bin so gefesselt, dass ich nach 8 Minuten das erste Mal gähnen muss. Oh Gott, stimmt, plötzlich fällt mir wieder ein, weshalb ich mich am Tag niemals lege.. Ich schlafe dann einfach ein. Dabei ist es auch komplett egal was ich gerade tue. Ich bin schon einmal mit dem Schälmesser und einem 2,5 kg Sack Kartoffeln auf dem Schoß wach geworden. Ich setze mich schnell hin! Ha, ausgetrickst!

Die Vorschläge von Netflix erscheinen. Und plötzlich setzt das Netflix Phänomen ein!

Während ich jahrelang mit Meditation und autogenem Training auf der Suche nach mir selbst war, ist Netflix da wohl etwas weiter als ich, denn die Vorschläge passen zu mir wie die Faust auf’s Auge. Was ich hier noch nicht weiß: Ich werde im weiteren Verlauf des Tages die komplette Liste anschauen und beginne mit einer Doku über Lady Di. Meine Bisher fand ich meinen Level an Wissen über englische Monarchie überdurchschnittlich. Aber heute schießen mir plötzlich elementagre Fragen in den Kopf: Warum ist bisher niemandem aufgefallen dass Prinz Harry dem Reitlehrer wie aus dem Gesicht geschnitten ist? Und warum hat sein Vater nicht direkt Camilla geehelicht? Wird die Queen jemals abdanken? Was für eine Art Leben führt man als Butler bei den Royals..? Die Geschichte ist definitiv zu aufwühlend. Ich skippe und lande wieder in den Vorschlägen. Also Netflix – gib ihm.

Ohja, die Biografie von Pablo Esobar – wir sind auf dem richtigen Weg. Nach 45 Minuten habe ich ein fundiertes Wissen über die kolumbianischen Kartelle, ihre Strukturen und Arbeitsbereiche. Weiter geht es mit Che Guevaras Motorcycle Diaries. Eine Erinnerung steigt auf, mir wird klar, dass das die Verfilmung ist zu dem Buch, das ich über ihn gelesen habe 2003! Wow, jetzt fühle ich mich alt. Ich verdränge das und sehe auf dem 47 Zoll TV vor mir wie zwei Menschen einen perfekt gedrehten, angemessen befüllten Joint in die Hand nehmen. Die Kenner unter uns wissen, dass du erst weißt ob er gut ist, wenn du ihn anmachst. Leider kann ich nur zusehen, wie Che Guevara mit seinem Zippo aus einer längst vergangenen Zeit die Lunte zündet. Ich habe niemals einen besseren gesehen. Auch nicht in dem Sommer, als ich durch die Niederlande gereist bin…und dort habe ich viele gesehen. Gott, waren das viele…

Ich habe augenblicklich einen harten Flashback, spüre den Geschmack auf der Zunge nach dem ersten Zug, rieche die Luft, die übrig bleibt, nachdem die Lungen sich herausgefiltert haben, was bleiben soll… Voller Kräuter und Freude. Die ruhige Freude. Nicht die pulvrige Art von „Lass uns nach dem Joggen ein bisschen tanzen gehen“-Freude. Ich meine die sich zurücklehnende, Freude mit dem breiten Grinsen. Bevor Corona mein soziales Leben getötet hat, hatte ich tatsächlich Besuch, der ein Tütchen Füllung dabei hatte und es hier vergessen hat. Die Vorzeigeeltern aus dem Kindergarten hätten es sicherlich weggeworfen oder persönlich zur Aservatenkammer gebracht. Aber ich – ja ich habe kurz gegrübelt und es dann in einem der einzelnen Socken, die immer überbleiben ganz weit hinten in meinen Kleiderschrank gelegt. Mein 19-jähriges Ich hat mir augenblicklich ein High Five gegeben. Ich könnte doch jetzt mal schauen ob es noch gut ist.. Die Kinder sind weg, ich bin alleine, wegen Lockdown kommt sowieso auch keiner, Blättchen waren dabei.. STOPP! Ich bin keine 19 mehr!! Und ich schlafe ohnehin ständig ein, sodass ich allerhöchstens zum Wirkungs-Konkurenten greifen würde. Ein weiterer Flashback erscheint, aber ich verdränge ihn augenblicklich, weil mir sonst die Tränen kommen. Denn in meinem Kopf dröhnt sofort der Bass und mich überkommt das Gefühl einer vollen Tanzfläche, die meine Bühne ist. Ich kann dem Bass unmöglich zuhören ohne mich dabei zu bewegen und ich verschmelze mit der Musik, während sich ganz langsam mein Alltag in Luft auflöst und freien Platz schafft für die nächste Woche.

So funktionierte das bei mir BEVOR alles was mich entspannt von einer Sekunde zur anderen geschlossen wurde. Das Gefühl als hätte man mir ein Bein ausgerissen. Ohne Betäubung. Deshalb verdränge ich das, und Netflix ist auf meiner Seite: Es schlägt mir vor „Ey Mann, wo ist mein Auto“ zu schauen oder Clueless. Ich schaue beides. als im zweiten Film ebenfalls wie im ersten ein Joint herumgereicht wird, ist meine Disziplin und Zielstrebigkeit dahin. Innerhalb von 5 Minuten habe ich von oben die Socke geholt und getan was ich tun musste. Es ist zwar kein Zippo, aber mein Feuerzeug zündet ihn auch an. Der altbekannte Geruch und die Gefühle, die er mitbringt zaubern mir ein Grinsen ins Gesicht und ich amüsiere mich über die beiden Deppen, die ihr Auto suchen. Wie ging der Film nochmal aus? Ich versuche mich zu erinnern, aber es will mir nicht einfallen..

Die Klingel war auch schonmal leiser, denke ich im Halbschlaf. Sekunden danach realisiere ich, dass ich in der Fötusstellung auf der Couch liege, vor mir eine Tasse kalter Kaffee und ein halb vernichteter Joint im Aschenbecher. Das Klingeln war leider real, denn ich höre die plappernden Stimmen meiner Kinder vor der Haustür. Ich springe auf, schnappe mir den Aschenbecher und stelle ihn auf dem Weg zur Tür oben auf den Schrank. Schnell angel ich mir ein Feuchttuch und wische kurz durch mein Gesicht, atme tief durch und öffne die Tür.

3 glücklich überdrehte Jungs stürmen auf mich ein, erzählen innerhalb von 2 Sekunden die komplette Geschichte des Wochenendes aus drei verschiedenen Perspektiven und ich nicke fröhlich alles ab. Der Vater kommt nur einen kleinen Schritt in den Flur um die Taschen abzustellen und geht wieder. Als er sich zur Tür wendet, hält er kurz inne und schnuppert. Sein Blick spiegelt Verwunderung, Entsetzen und Neid,während ich nur die Schultern zucke und grinse. Er schüttelt den Kopf und geht. Da sind auch die Kids fertig mit dem Sturm auf meine Synapsen. Der Große fragt „Und Mama, was hast du so gemacht?“ Ich hebe die Schultern und winke ab „och, nur ’n bisschen Netflix ’n‘ chill. Nix besonderes.“